
Die Klickrate deiner letzten Phishing-Simulation misst nicht, wie gut dein Unternehmen einen echten Angriff übersteht. Sie misst, wie überzeugend die Simulation gebaut war.
Trotzdem gehört Security Awareness Training im KMU zu den ersten Posten, die bewilligt werden, sobald Sicherheit auf den Tisch kommt. Verständlich: Es ist schnell eingekauft, es produziert Zahlen fürs Reporting, und es fühlt sich nach Handeln an. Die unbequeme Frage stellt dabei kaum jemand. Was davon schützt, und was davon ist Beschäftigung?
Seit letztem Jahr gibt es dazu ungewöhnlich gute Daten. Sie sind ernüchternd, aber nützlich. Wer sie kennt, verteilt sein Budget anders.
Was die grösste Feldstudie dazu gefunden hat
Forscher der University of Chicago und der UC San Diego haben bei einem grossen Gesundheitsdienstleister rund 20'000 Mitarbeitende über acht Monate begleitet und ihnen zehn realistische Phishing-Simulationen geschickt. Verglichen wurden die Formate, die auch hierzulande verkauft werden: die jährliche Pflichtschulung und das eingebettete Training, das direkt nach einem Fehlklick erscheint. Die Studie heisst «Understanding the Efficacy of Phishing Training in Practice» und wurde 2025 am IEEE Symposium on Security and Privacy vorgestellt; eine gute deutsche Zusammenfassung liefert IT-Administrator.
Die Resultate in Kurzform: Zwischen der jährlichen Awareness-Schulung und dem späteren Klickverhalten fand die Studie keinen signifikanten Zusammenhang. Das eingebettete Training senkte die Fehlklickrate im Schnitt um 1.7 Prozentpunkte. Nur interaktive Module, die vollständig durchgearbeitet wurden, reduzierten das Risiko eines erneuten Klicks um rund 19 Prozent. Vollständig durchgearbeitet wurden sie allerdings selten, und statische Schulungsseiten zeigten gar keinen Nutzen.
Übersetzt heisst das: Das Format, das die meisten Firmen einkaufen, die jährliche Schulung mit Teilnahmezertifikat, hatte in dieser Studie keinen nachweisbaren Effekt auf das Verhalten. Für dein Budget bedeutet das nicht, dass Schulung verboten ist. Es bedeutet, dass die Beweislast dreht: Das Programm muss zeigen, was es ausser Kurven liefert.
Die Empfehlung der Forscher ist für eine ganze Branche unbequem: weniger Gewicht auf Schulung, mehr auf technische Massnahmen wie hardwarebasierte Multi-Faktor-Authentifizierung und Passwortmanager.
Eine Studie ist eine Studie, und ein amerikanischer Gesundheitsdienstleister ist nicht dein Betrieb. Aber der Befund deckt sich mit dem, was wir in Mandaten beobachten: Klickraten in Simulationen schwanken mit der Qualität der Simulation, nicht mit dem Datum der letzten Schulung. Und er erklärt etwas, das viele IT-Verantwortliche kennen und selten laut sagen: Dieselbe Belegschaft, die in der Übung brav besteht, fällt auf die eine gut gemachte Mail trotzdem herein.
Warum Awareness trotzdem gekauft wird
Awareness-Training ist die bequemste Sicherheitsausgabe, die es gibt. Sie verlangt keine Änderung an Prozessen und keinen Eingriff in den Arbeitsalltag. Der Auditor akzeptiert sie, die Cyber-Versicherung fragt danach, und das Dashboard liefert jeden Monat eine Kurve, die sich im Meeting zeigen lässt.
Die Kurve suggeriert allerdings etwas, das sie nicht belegen kann: dass eine sinkende Klickrate in der Simulation steigende Widerstandsfähigkeit bedeutet. Die Datenlage gibt diese Verbindung nicht her. Eine sinkende Klickrate kann ebenso gut heissen, dass die Simulationen leichter zu erkennen waren oder dass die Belegschaft gelernt hat, Übungsmails zu erkennen statt Angriffe.
In unserer Erfahrung sieht das typische Schadenmuster im KMU so aus: Die Firma hat ein Awareness-Programm mit ordentlichen Klickzahlen, und gleichzeitig überweist die Buchhaltung eine Lieferantenrechnung auf eine neue IBAN, weil die Mail fehlerfrei war, der Absender vertraut wirkte und kein Rückruf vorgesehen war. Das Training hat funktioniert, so wie es gemessen wird. Der Angriff hat auch funktioniert, so wie er gebaut wird. Dass beides gleichzeitig geht, ist das Kernproblem der Kennzahl.
Dazu kommt ein Timing-Problem. Der klassische Trainingsinhalt lehrt das Erkennen von Warnsignalen: holpriges Deutsch, gefälschte Absenderadressen. Diese Signale verschwinden gerade, weil generative KI fehlerfreie, kontextbezogene Mails praktisch gratis macht. Wir haben das in Angreifer im KI-Tempo ausführlicher beschrieben. Ein Training, das Menschen auf Tippfehler konditioniert, bereitet sie auf Angriffe von gestern vor.
Was Training leisten kann
Awareness ist deswegen nicht nutzlos. Sie ist der falsche Hauptdarsteller.
Drei Dinge kann eine Schulung realistisch leisten. Erstens die Melde-Routine. Den grössten Wert liefert ein Training nach dem Fehlklick: die schnelle Meldung. Wer nach einem Klick sofort meldet, verwandelt einen möglichen Vorfall in einen Frühwarnhinweis, und die IT kann Passwörter zurücksetzen und Sitzungen beenden, bevor etwas passiert. Das funktioniert nur, wenn Melden einfach ist, an eine Stelle geht, die hinschaut, und nie bestraft wird. Konkret: ein Melden-Knopf direkt im Mailprogramm, der an ein Postfach geht, das jemand noch am selben Tag liest. Eine Kultur, in der jemand einen Fehlklick zwei Tage verschweigt, ist teurer als jede Klickrate.
Zweitens die Einordnung für neue Mitarbeitende: Wie melde ich etwas, wen frage ich, welche Regeln gelten bei Zahlungen. Wer neu ist, kennt die internen Abläufe noch nicht und erkennt eine ungewöhnliche Zahlungsanweisung schlechter als solche. Eine halbe Stunde Einordnung in der ersten Woche fängt diese Phase ab. Das ist Onboarding, kein Jahresprogramm.
Drittens der Boden für Prozessdisziplin. Die Angriffe, die KMU Geld kosten, laufen über Vertrauen: die Zahlungsanweisung, die angeblich vom Chef kommt, der Lieferant mit neuer Kontonummer. Gegen ein gut gemachtes Täuschungsmanöver hilft eine Regel mehr als ein geschärfter Blick. Eine Zweitkanal-Regel für Zahlungsfreigaben wirkt aber nur, wenn alle verstanden haben, warum es sie gibt und dass Nachfragen Routine ist, kein Misstrauen. Dieses Verständnis herzustellen ist eine legitime Trainingsaufgabe, und sie braucht dreissig Minuten, keine Plattform.
Eine Grenze wird dabei selten ausgesprochen: Vorbild schlägt Kursinhalt. Wenn die Geschäftsleitung für sich selbst Ausnahmen verlangt, etwa kein zweiter Faktor auf dem Chef-Konto, weil es unbequem ist, lernt die Organisation aus dieser Ausnahme mehr als aus jedem Modul.
Was Training dagegen nicht leisten kann: aus Menschen zuverlässige Spamfilter machen. Ein Unternehmen, dessen Sicherheit davon abhängt, dass zweihundert Leute an einem Dienstagnachmittag keine Sekunde unaufmerksam sind, hat kein Schulungsproblem. Es hat ein Architekturproblem.
Drei Massnahmen mit mehr Schutz pro Franken
Wenn das Ziel Phishing-Prävention heisst und nicht Reporting, beginnt die Liste woanders.
- Phishing-resistente MFA. Passkeys oder Hardware-Keys, mindestens für E-Mail, Finanzsysteme und Admin-Konten. Der Unterschied zur Code-per-App-Variante: Gestohlene Zugangsdaten und abgefangene Codes funktionieren nicht mehr, egal wer worauf geklickt hat. Es ist eine der beiden Massnahmen, welche die Studienautoren empfehlen, statt weiter auf Schulung zu setzen.
- Passwortmanager, richtig ausgerollt. Ein Passwortmanager füllt Zugangsdaten nur auf der echten Domain aus. Auf der Fälschung bleibt das Feld leer, und dieser Moment der Irritation ist zuverlässiger als jedes geschulte Auge. Das ist eingebaute Phishing-Erkennung, die nicht müde wird und keinen Jahreskurs braucht.
- Zweitkanal-Regel für Geld und Zugänge. Kontowechsel eines Lieferanten, Zahlungsfreigabe ab einer definierten Schwelle, Passwort-Reset auf Zuruf: immer über einen zweiten, unabhängigen Kanal bestätigen, etwa einen Rückruf auf die bereits bekannte Nummer. Setz die Schwelle so, dass die Regel den Alltag überlebt; eine Regel, die bei jeder Kleinstzahlung greift, wird nach drei Wochen still beerdigt. Kostet nichts ausser einer Abmachung im Team, und sie stoppt genau die Angriffe, bei denen es um Geld geht.
Der Vergleich lohnt sich in Franken. Stell die Jahreskosten deiner Awareness-Plattform neben die Einmalkosten von Passkeys für die kritischen Konten, und rechne dann, welcher Posten welchen Angriff stoppt. In unserer Erfahrung fällt diese Rechnung selten zugunsten der Plattform aus. Wie man solche Posten systematisch prüft, steht in Sicherheitstools konsolidieren und in IT-Sicherheit richtig dimensionieren.
Und falls deine Cyber-Versicherung oder ein Kunde ein Awareness-Programm verlangt: Die Anforderung erfüllt auch eine schlanke Variante. Kein Fragebogen verlangt die teuerste Plattform am Markt. Ein kurzes Onboarding-Modul, eine dokumentierte Zweitkanal-Regel und ein funktionierender Meldeweg erfüllen den Nachweis genauso, kosten einen Bruchteil und schützen dabei mehr. Das ist keine Sparübung, sondern die Reihenfolge, in der Schutz entsteht.
Vor der nächsten Verlängerung
Du musst dein Awareness-Programm nicht heute kündigen. Aber es verdient denselben Massstab wie jeder andere Sicherheitsposten: Welchen Angriff stoppt er, und woher wissen wir das? Awareness bekommt diese Frage selten gestellt, weil sich niemand gegen Schulung stellen will. Genau deshalb wächst der Posten so unbeobachtet. Stell ihm vor der nächsten Rechnung drei Fragen.
Erstens: Welche konkrete Verhaltensänderung soll das Training bewirken, und woran erkennen wir sie ausserhalb der Simulation? «Die Klickrate sinkt» zählt nicht als Antwort.
Zweitens: Sind phishing-resistente MFA und ein Passwortmanager flächendeckend im Einsatz? Falls nein, warum bezahlt das Budget zuerst die Schulung und dann die Massnahme, die nachweislich wirkt?
Drittens: Gibt es eine Zweitkanal-Regel für Zahlungen und Kontowechsel, und wurde sie je im Alltag getestet statt nur im Kurs erwähnt?
Wenn zwei von drei Antworten ein Zögern sind, weisst du, wo das nächste Budgetgespräch anfangen muss.
Uns interessiert dabei eine Frage: Woran würdest du in deinem Betrieb erkennen, dass ein Training gewirkt hat, wenn du die Klickrate nicht anschauen dürftest?
Wenn du dein Sicherheitsbudget einmal nüchtern gegen den tatsächlichen Schutz halten willst, machen wir das gerne gemeinsam. Ein Erstgespräch ist unverbindlich.



