
Du willst wechseln, aber kannst nicht
Alexis M.,
23.01.2026
TLDR;
Vendor Lock-in passiert schleichend. Ein guter Deal am Anfang, dann steigende Preise, und plötzlich stellst du fest: Der Wechsel würde mehr kosten als das Problem. Die Lösung? Nicht Paranoia - sondern strategische Planung von Tag eins an. Verträge richtig gestalten. Daten portabel halten. Regelmässig prüfen.

Die Szene, die irgendwann kommt
Das erste Jahr war grossartig. Der neue SaaS-Anbieter lieferte schnelle Implementierung, gute Features, netten Support. Du unterschreibst einen Dreijahresvertrag. Alles läuft.
Dann, nach anderthalb Jahren, passiert das Unvermeidliche.
Der Anbieter erhöht die Preise um 40%. Ein Feature, das du brauchst, wird eingestellt. Ein Konkurrenzprodukt sieht plötzlich viel besser aus.
Du willst wechseln. Und dann merkst du:
Deine Daten sind in einem proprietären Format. Deine Workflows sind tief integriert. Dein Team kennt nur dieses System. Der Wechsel würde Monate dauern und hunderttausende Franken kosten.
Das ist Vendor Lock-in. Nicht Theorie - Realität.
(Wir sehen das regelmässig. Öfter als du denkst.)
Die drei Arten von Lock-in

Technisches Lock-in
Das Offensichtlichste. Deine Daten stecken in einem proprietären Format. Deine Integrationen sind so tief in die Plattform eingebaut, dass ein Umzug bedeutet: alles neu schreiben.
AWS Auto-Scaling? Nicht auf Azure übertragbar. Salesforce-Daten? Komplexer Export. Marketo-Workflows? Monate Migrationsaufwand.
Vertragliches Lock-in
Wird oft übersehen, weil es weniger technisch aussieht. Aber genauso effektiv.
Lange Kündigungsfristen. Hohe Strafzahlungen bei frühem Ausstieg. Automatische Verlängerungen. Und dann die versteckten Klauseln: Data-Retrieval-Gebühren, die explodieren, wenn du deine Daten exportieren willst.
Wissens-Lock-in
Die unterschätzteste Form.
Dein Team hat tausende Stunden in diese Plattform investiert. Sie kennen jede versteckte Funktion. Haben Custom-Scripts geschrieben. Wissen, wie man das System optimiert.
Der Wechsel bedeutet: Monate neue Schulungen. Verlust von institutionellem Wissen. Produktivitätseinbruch. Vielleicht sogar den Verlust von Leuten, die sich weigern, alles neu zu lernen.
Warum Lock-in so teuer ist
Die direkten Kosten sind das Offensichtliche: Höhere Preise, weil du nicht verhandeln kannst. Exit-Kosten, wenn du es doch versuchst. Produktivitätsverluste während der Migration.
Die indirekten Kosten sind schlimmer.
Du kannst nicht mit anderen Anbietern verhandeln - weil du ohnehin nicht wechseln kannst. Der Anbieter weiss das. Deine Verhandlungsposition? Null.
Deine Architektur wird von den Grenzen einer Plattform definiert. Du kannst nicht schnell reagieren. Bessere Tools kommen auf den Markt - aber du bist gebunden.
Ein Kunde von uns zahlte 8 Jahre lang jährlich 15% mehr für sein CRM. Nicht weil das CRM besser wurde - sondern weil der Wechsel zu teuer gewesen wäre. 500.000 Franken geschätzte Migrationskosten. Also blieben sie. Und zahlten.
(Das ist übrigens kein Einzelfall. Das ist der Normalfall.)
Wie du Lock-in vermeidest
Im Vertrag
Das Erste, was du ändern solltest: die Vertragsbedingungen.
Kündigungsfristen: Maximum 30-60 Tage. Alles darüber ist zu lang.
Data-Export-Klauseln: Schreib explizit rein, dass du deine Daten kostenlos und in einem Standardformat exportieren kannst.
Keine Data-Retrieval-Gebühren: Der Anbieter wird versuchen, das einzubauen. Wehre dich.
Exit-Assistance: Der Anbieter sollte bei der Migration helfen - nicht sie sabotieren.
Verhandlungs-Tipp: Die erste Vertragsfassung ist nie die beste. Anbieter würden lieber einen Kunden mit besseren Bedingungen halten als einen verlieren.
Bei der Technologie
Deine Daten sollten nie in einem Format sein, das nur ein Anbieter lesen kann.
Standard-Formate nutzen. SQL, JSON, CSV - nicht proprietäre Datenbank-Engines.
API-First-Ansatz. Wenn dein Anbieter eine gute API hat, nutze sie. Das macht Exporte trivial.
Regelmässige Backup-Tests. Nicht hoffen, dass du exportieren kannst - testen. Alle 6 Monate. Wenn es nicht funktioniert, weisst du es früh.
Container nutzen. Docker macht deine Anwendungen portabel. Von AWS zu Azure zu On-Premise - egal.
Infrastructure-as-Code. Terraform statt Cloud-Konsole. Das macht Wechsel einfacher.
Im Team
Dokumentiere kritische Prozesse. Nicht nur "im Kopf eines Experten".
Mindestens zwei Leute sollten alles Kritische können. Bus-Factor grösser als 1.
Wenn möglich: generische Konzepte schulen. SQL, REST APIs, Terraform - nicht tool-spezifisches Wissen.
Wann Lock-in okay ist
Lass mich ehrlich sein: Manche Lock-in ist nicht nur akzeptabel - sie ist strategisch sinnvoll.
AWS RDS zum Beispiel. Du hast technisches Lock-in. Aber die Features (Multi-AZ, Read-Replicas, Automated Backups) geben dir Wert, den du selbst nicht bauen könntest. PostgreSQL darunter ist portabel. Das ist ein bewusster Trade-off.
Der Unterschied:
Strategisches Lock-in - absichtlich, gemessen, bewusst eingegangen.
Versehentliches Lock-in - passiert aus Unwissenheit, keine Alternative evaluiert.
Selbstverschuldetes Lock-in - "Wir haben einfach nie geplant."
Das Erste ist okay. Das Zweite und Dritte nicht.
Der häufigste Fehler
Vendor Lock-in ist nicht statisch. Es wird über die Zeit schlimmer, wenn du nicht aktiv gegensteuerst.
Der häufigste Fehler: Einmal einen Anbieter auswählen und dann vergessen.
Kosten schleichen hoch. Verträge verlängern sich automatisch. Das Team wird abhängiger. Und irgendwann stellst du fest: Du bist gefangen.
Die Lösung? Jährliche Reviews.
Zahlen wir noch angemessene Preise? Was sind die besten Alternativen jetzt? Was würde der Wechsel kosten? Brauchen wir diesen Anbieter noch?
Diese Reviews sollten nicht jedes Jahr zum gleichen Ergebnis führen. Manchmal ist die Antwort "wir bleiben". Manchmal ist sie "wir fangen an zu planen".
Was du tun kannst
Liste deine Top-5-Anbieter auf - die kritischen. Cloud, CRM, ERP, was auch immer.
Frag dich bei jedem: Könnte ich in 90 Tagen weg sein? Wenn nein - warum nicht?
Schau in die Verträge - Kündigungsfristen, Exit-Klauseln, Data-Export-Regelungen.
Teste einen Datenexport - Kannst du deine Daten tatsächlich rauskriegen? In welchem Format?
Rechne die Exit-Kosten - Was würde ein Wechsel realistisch kosten? Diese Zahl solltest du kennen.
Der Punkt
Lock-in ist kein Naturgesetz. Es ist ein strategisches Problem mit strategischen Lösungen.
Die beste Zeit für Prävention war beim Vertragsabschluss. Die zweitbeste ist heute.
Die Unternehmen, die ihre Anbieter-Abhängigkeiten im Griff haben, sind nicht paranoid. Sie planen einfach. Sie verhandeln besser. Sie testen ihre Exits, bevor sie sie brauchen.
Das Ergebnis? Mehr Verhandlungsmacht. Mehr Flexibilität. Und ja - weniger Geld für die gleichen Services.
Das ist nicht Paranoia. Das ist strategisches Vendor Management.
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