
Die 5 Dimensionen operativer Resilienz: Ein Framework für Unternehmen
Yannick H.,
03.02.2026
TLDR;
Resilience Engineering verschiebt den Fokus von "Wie stellen wir System X wieder her?" zu "Wie halten wir den Geschäftsbetrieb aufrecht, egal was passiert?" Das Framework besteht aus 5 Dimensionen: Business Impact, Process Resilience, Technical Architecture, Organizational Capability und Compliance & Governance. Die Reihenfolge ist entscheidend – immer mit dem Business starten, nie mit der IT. Wir zeigen dir, wie du diese Dimensionen systematisch angehst.

Was unterscheidet Unternehmen, die nach einem Cyberangriff in 48 Stunden wieder operativ sind, von denen, die wochenlang kämpfen?
Es ist nicht das Budget. Auch nicht die Anzahl der Sicherheits-Tools.
Es ist die Art, wie sie über Resilienz nachdenken.
Wir haben in den letzten Jahren beide Arten von Unternehmen gesehen. Die einen haben perfekte Disaster-Recovery-Dokumentation und scheitern trotzdem. Die anderen haben vielleicht weniger Papier, aber sie haben etwas Wichtigeres: eine systematische Fähigkeit, unter Druck zu funktionieren.
Heute zeigen wir dir das Framework, das diesen Unterschied ausmacht.
Warum die meisten Resilienz-Ansätze scheitern
Die meisten IT-Abteilungen starten bei der Technologie. Das ist ihre Komfortzone.
"Wir brauchen Backups. Failover-Server. Multi-Cloud. Mehr Redundanz."
Das Problem? Ohne Business-Kontext führt das zu perfekt abgesicherten Systemen, die niemand braucht – und ungeschützten Systemen, die geschäftskritisch sind.
Ein Beispiel: Ein Industrieunternehmen investierte sechsstellig in hochredundante IT-Infrastruktur. Perfekte Verfügbarkeit. Als dann ihr Hauptlieferant durch einen Cyberangriff ausfiel, stand die Produktion trotzdem. Die IT lief einwandfrei – aber ohne Komponenten vom Lieferanten konnte niemand arbeiten.
Der Denkfehler: Resilienz bedeutet nicht "IT-Systeme laufen immer". Resilienz bedeutet "Geschäftsprozesse laufen immer – oder zumindest gut genug".
Das Framework: 5 Dimensionen operativer Resilienz
Operative Resilienz erfordert einen systematischen Ansatz über fünf Dimensionen. Jede baut auf der vorherigen auf. Und die Reihenfolge ist nicht verhandelbar.

Die 5 Dimensionen bauen aufeinander auf – immer mit Business Impact beginnen, nie mit Technologie.
Dimension 1: Business Impact & Critical Services
Die Kernfrage: Wo ist dein Umsatz? Welche Prozesse müssen laufen?
Bevor du auch nur eine Zeile IT-Architektur betrachtest, musst du verstehen, welche Geschäftsprozesse wirklich kritisch sind. Nicht "irgendwie wichtig" – kritisch im Sinne von: Wenn das nicht läuft, verlieren wir Geld oder Kunden oder beides.
Was du identifizieren musst:
Revenue-Critical Processes – die Prozesse, die direkt Umsatz erzeugen
Regulatory-Critical Processes – die Prozesse, deren Ausfall regulatorische Konsequenzen hat
Dependencies – was braucht jeder Prozess zum Laufen? (IT, Lieferanten, Personal)
Maximale tolerierbare Ausfalldauer – wie lange können wir ohne diesen Prozess?
Praktischer Tipp: Arbeite mit deinen Geschäftsbereichen, nicht mit der IT-Abteilung. Die wissen, was wirklich Geld bringt.
Wenn du bereits eine Business Impact Analyse hast – prüfe, ob sie aktuell ist und ob sie diese Fragen beantwortet.
Dimension 2: Process Resilience
Die Kernfrage: Wie arbeitest du weiter, wenn kritische Systeme oder Lieferanten ausfallen?
Jetzt wird es konkret: Für jeden kritischen Prozess aus Dimension 1 brauchst du Antworten auf:
Fallback-Optionen: Was ist Plan B? Kann der Prozess manuell laufen? Gibt es alternative Lieferanten?
Minimum Viable Operations (MVO): Mit welcher reduzierten Kapazität können wir weitermachen, während wir das Problem lösen?
Aktivierungszeit: Wie schnell können wir auf Plan B umschalten?
Die 70%-Regel: Perfekte Redundanz ist unbezahlbar. Aber 70% Kapazität innerhalb von 30 Minuten schützt mehr Umsatz als 100% Kapazität nach 48 Stunden.
Beispiel aus der Praxis:
Ein E-Commerce-Unternehmen hat definiert:
Normal: 500 Bestellungen/Tag über den Online-Shop
MVO (70%): 350 Bestellungen/Tag über Telefon + manuelle Erfassung
Wenn AWS ausfällt, ist innerhalb von 30 Minuten eine Notfall-Hotline aktiv. Nicht perfekt, aber der Umsatz fliesst weiter.
Dimension 3: Technical Architecture
Die Kernfrage: Welche IT-Systeme unterstützen deine kritischen Prozesse? Wo sind Single Points of Failure?
Erst jetzt – in Dimension 3 – schauen wir auf IT. Aber nicht isoliert, sondern immer in Bezug auf Geschäftsprozesse.
Was du analysieren musst:
IT-System-zu-Business-Mapping: Welche Systeme unterstützen welche kritischen Prozesse?
Aktuelle vs. benötigte Verfügbarkeit: Reicht der aktuelle SLA?
Single Points of Failure: Was hat keine Redundanz? Keinen Failover?
SPOF-Mitigation: Wie eliminierst oder mitigierst du diese Schwachstellen?
Ein häufiger Fehler: Unternehmen haben oft hochredundante Systeme für unkritische Prozesse – und Single Points of Failure bei kritischen. Weil niemand die Verbindung zwischen IT und Business systematisch analysiert hat.
Dimension 4: Organizational Capability
Die Kernfrage: Können deine Teams unter Stress klare Entscheidungen treffen? Wer ist verantwortlich?
Technologie allein reicht nicht. Die beste Fallback-Infrastruktur nützt nichts, wenn niemand weiss, wer sie aktivieren darf.
Was du brauchst:
Klare Entscheidungsstrukturen: Wer darf was entscheiden? Mit welchem Zeitlimit?
RACI-Matrix für Krisen: Responsible, Accountable, Consulted, Informed – für jede kritische Entscheidung
Vertretungsregelungen: Was passiert, wenn der Entscheider nicht erreichbar ist?
Trainierte Teams: Hands-on Übungen, nicht PowerPoint-Präsentationen
Eine wichtige Erkenntnis: In einer Krise ist eine 80%-richtige Entscheidung in 15 Minuten wertvoller als eine 100%-richtige Entscheidung in 4 Stunden.
Definiere klare Eskalationswege mit Zeitlimits. Wenn der Entscheider nach 15 Minuten nicht erreichbar ist, geht die Entscheidung automatisch an den Vertreter.
Dimension 5: Compliance & Governance
Die Kernfrage: Wie nutzt du regulatorische Anforderungen als Struktur für deine Resilienz?
NIS2, FINMA, GDPR – viele sehen das als Bürokratie. Aber die schlauen Unternehmen nutzen diese Anforderungen als Checkliste.
Was Regulierung dir gibt:
Struktur für deine Dokumentation
Priorisierung durch regulatorische Bedeutung
Externe Validierung deiner Massnahmen
Rechtssicherheit im Krisenfall
Praktischer Ansatz: Mappe regulatorische Anforderungen auf deine Resilienz-Dimensionen. Du wirst feststellen: Was NIS2 und FINMA fordern, ist meist das, was du ohnehin brauchst. Die Regulierung gibt dir nur die Struktur.
Warum die Reihenfolge entscheidend ist
Das Framework ist kein Buffet, bei dem du dir aussuchen kannst, wo du anfängst.
Wenn du bei Technologie startest, löst du das falsche Problem.
Falscher Ansatz (häufig):
IT kauft mehr Backup-Kapazität
IT implementiert Multi-Cloud
Irgendwann fragt jemand "Brauchen wir das eigentlich?"
Niemand weiss es genau
Richtiger Ansatz (selten):
Business definiert kritische Prozesse und maximale Ausfallzeiten
Process Owner entwickeln Fallback-Optionen
IT implementiert die technische Unterstützung dafür
Organisation trainiert die Abläufe
Compliance validiert das Ganze
Der Unterschied: Im ersten Fall hast du teure IT-Infrastruktur, die vielleicht die falschen Dinge absichert. Im zweiten Fall hast du eine Organisation, die weiss, wie sie funktioniert, wenn es darauf ankommt.
Wie du startest
Keine Panik. Du musst nicht alles auf einmal machen.
Quick Wins (4-6 Wochen):
Business Impact Analyse für die Top-10 Geschäftsprozesse
Dependency Mapping für die 3 kritischsten Prozesse
Ein Fallback-Szenario definieren und testen
Phase 2 (3-6 Monate):
Minimum Viable Operations für alle kritischen Prozesse
RACI-Matrix für Krisenentscheidungen
Erstes Quarterly Drill mit Leadership-Team
Volle Resilience Architecture (12 Monate):
Alle 5 Dimensionen systematisch implementiert
ISMS integriert mit Resilienz-Framework
Kontinuierliche Verbesserung basierend auf Tests und echten Vorfällen
Die kurze Version
5 Dimensionen bauen aufeinander auf: Business Impact → Process Resilience → Technical Architecture → Organizational Capability → Compliance
Die Reihenfolge ist nicht verhandelbar – immer beim Business starten
Dimension 1 ist der Schlüssel – ohne Verständnis der kritischen Prozesse ist alles andere Rätselraten
Die 70%-Regel – schnelle Degraded Operations schlagen perfekte späte Recovery
Compliance als Struktur – nutze NIS2/FINMA als Checkliste, nicht als Bürde
Was jetzt?
Beginne mit einer ehrlichen Frage: Welche 3 Geschäftsprozesse erzeugen 80% unseres Umsatzes?
Wenn du das beantworten kannst, hast du den Startpunkt für Dimension 1. Wenn nicht, hast du deine erste Aufgabe.
(Und falls ihr merkt, dass ihr Unterstützung braucht, um das Framework systematisch zu implementieren – genau dafür sind wir da.)
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